Eine Sorge weniger?

Dieser Blog-Eintrag fällt mir nicht leicht. Aber er muss sein. Vielleicht überarbeite ich ihn noch mehrmals oder lösche ich ihn auch wieder. Denn es geht um ein Thema, das kontrovers und teilweise sehr ideologisch diskutiert wird.

Heute Abend nach der Arbeit gehe ich in die Apotheke bei mir um die Ecke und hole meine erste Monatspackung der PrEP-Medikamente ab. Die deutsche Wikipedia schreibt hierzu zusammenfassend: „Die Präexpositionsprophylaxe (PrEP) ist eine medizinische Präventionsmaßnahme, bei der HIV-negative Personen präventiv Medikamente der antiretroviralen HIV-Therapie einnehmen, um sich damit vor (Prä-) einer möglichen Exposition vor einer möglichen HIV-Infektion zu schützen.

Ich bin über 50 Jahre alt, und damit der lebende Beweis, dass „Safer Sex“ funktioniert. Durch mein spätes Coming-Out mit fast 30 ist die AIDS-Krise der 80er-Jahre glücklicherweise an mir vorbeigegangen. Allerdings nicht spurlos. Ich erinnere mich, wie mein ewtas älterer Freund Dieter in Köln damals mit Tränen in den Augen die etwa ein Dutzend Freunde aufzählte, die er in den verganagenen Jahren an HIV/AIDS verloren hatte. Aus meinem eigenen Bekanntenkreis starb nur ein Freund, als Langzeitüberlebender, viele Jahre nach der Ansteckung.

Als Folge praktizierte ich jahrzehntelang geradezu „religiös“ (wie man das im Englischen so schön ausdrückt) Safer Sex. Und bin offensichtlich ganz gut damit verkehrt – pun intended. Aber mit zunehmendem Alter wird das schwieriger. Glaubt mir. Ohne ins Detail gehen zu wollen: Es gab in den vergangenen ein, zwei Jahren immer wieder – und immer öfter Situationen, wo das nicht mehr immer so einfach war mit Safer Sex als „Ideologie“.

Und dann haben sich in den vergangenen sechs Wochen plötzlich die Ereignisse überschlagen, was die Verfügbarkeit von PrEP anbetrifft:

Schon lange war bekannt, dass der Patentschutz von Truvada™ dieses Jahr auslaufen würde. Eine durchgängige Versorgung mit diesem Medikament hatte bisher, soweit ich informiert bin, etwa 800 Euro pro Monat gekostet. Da die Kassen das nicht übernehmen, konnte sich das vielleicht ein Spitzenverdiener leisten – ich nicht!

Da hörte man von der DAH, dass es Generika gäbe, aber immer noch sehr teuer. Und gerade als ich vor etwa fünf Wochen mein frisches, negatives jährliches HIV-Testergebnis in Händen hielt, kam die Nachricht, dass es eine spezielle Vereinbarung zwischen einem Pharmahersteller, ausgewählten Apotheken und AIDS-Hilfen gäbe, die es ermöglichte, für nur etwa 50 Euro pro Monat PreEP-Medikamente zu beziehen, wenn auch über einen speziellen, ziemlich umständlichen Weg.

Ich rief dann einfach bei KOSI.MA, der Mannheimer AIDS-Hilfe-Nachfolgerin, an, um mich zu erkundigen, ob das denn auch in Mannheim möglich sei. Man vertröstete mich mit den Worten „man sei dran“ auf ein bis zwei Wochen später. Und tatsächlich war zwei Wochen später auf der Webseite auch eine Partnerapotheke in Mannheim aufgelistet (zuvor hätte ich dafür nach Frankfurt fahren müssen!), über die das 90% verbilligte Medikament hätte bezogen werden können.

Die HIV-Schwerpunktpraxis, die in das Prozedere eingebunden ist, liegt Luftlinie gerade mal 150 Meter von meiner Wohnung entfernt, die Partnerapotheke 400 Meter. Also beschloss ich, einfach mal einen Beratungstermin zu vereinbaren (Vorsicht: Privatabrechnung! Die Kassen übernehmen die Kosten nicht! Weder die Artzkosten, noch die notwendingen Tests! Aber die Kosten halten sich in sehr moderaten Grenzen.)

Eine Woche nach dem ersten, sehr offenen und angenehmen Gespräch mit dem Arzt, und weiteren Tests, hatte ich einen weiteren Termin, wo wir das weitere Vorgehen – PrEP ja oder nein? – besprechen wollten. Und da war dann gerade das Angebot eines anderen Generikaherstellers eingetroffen, nachdem man das Medikament ohne Sonderlocken, einfach ganz regulär über jede Apotheke, für knapp 70 Euro beziehen kann.

Zehn Minuten später verließ ich die Praxis mit dem enstprechenden Privatrezept. Die Apotheke meines Vertrauens meinte, sie könne das bestellen, wisse aber nicht, wie lange es dauert. Am nächsten Tag (heute!) war es da!

Was bedeutet das jetzt für mich? Ich weiß es noch nicht! Erst mal sehen, ob ich das Medikament überhaupt vertrage! Wenn ja, denke ich nicht, dass es mein ganzes (Sex-)Leben umkrempeln wird. Aber vielleicht habe ich in Zukunft eine Sorge weniger im Hinterkopf!

Mehr Info zu PrEP: http://kosima-mannheim.de/prep-prae-expositions-prophylaxe

Nachtrag: 100 Tage PrEP – The Fantastic, the „What the F*ck?!“ and the Ugly

 

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