100 Tage PrEP: The Fantastic, the „What the F*ck?“, and the Ugly

Seit Anfang Dezember bin ich auf PrEP. Das sind jetzt etwa 100 Tage. Und damit erschient die Zeit reif für einen ersten Rückblick.

The Fantastic

Ja, es ist fantastisch! Ich gehe jetzt davon aus, dass diese unscheinbaren fetten, grünen Pillen von Ratiopharm, die eher nach alternativer See-Algen-Nahrungsmittelergänzung als nach ernstzunehmendem Medikament aussehen, wirken. Nebenwirkungen konnte ich bisher nicht feststellen. Ich habe mich ja spontan für die etwas teurere Variante von Ratiopharm entschieden, weil sie mir bedeutend weniger Aufwand verursacht als die Spezial-Vereinbarung von Hexal mit Partnerapotheken. Mein Arzt in der Schwerpunktpraxis kann mir das Medikament direkt verschreiben, ich kann es in jeder Apotheke bestellen – ja, meine hat es inzwischen sogar vorrätig! – und muss nicht auch noch eine dritte Beratung über mich ergehen lassen, bevor ich für mich persönlich verpackten Tabletten (zusätzliches Datenschutzrisiko?) in Händen halte.

Und was sich durch PrEP jetzt für mich geändert?

Nichts, und gleichzeitig sehr viel!

Ich bin in einem Alter, in dem einen nicht mehr plötzlich der große Freiheitsdrang packt, und man nun von Sexparty zu Sexparty zieht, um seine neue Sorglosigkeit auszuleben. Ich habe als aktiver BDSM-Top auch mit über 50 noch genau so viele Dates (naja, fast…) wie in den vergangenen Jahren. Nur gibt es jetzt beim Kennenlernen wieder ein Gesprächsthema, das bisher nicht notwendig war: Wie definieren wir für uns „Safer Sex“? Und das ist in den vergangenen Wochen und Monaten erstaunlich dynamisch verlaufen!

Oft sprechen mich Leute schon im Chat oder aber bei mir auf der Couch darauf an. Wenn nicht, mache ich das. Und die Reaktionen reichen von „Lieber doch mit Gummi!“ bis „Endlich ohne Gummi!“. Alte Fuckbuddies, von denen ich es nicht wusste (weil es mir egal war) outen sich als positiv. Andere sind ebenfalls auf PrEP. Und es herrscht anschließend eine spürbare Erleichterung, dass man darüber geredet hat und sich – so oder so – geeiningt hat. Ach ja, und Kerls, die kategorisch „nur ohne Gummi“ wollen, sind jetzt im Gegensatz zu früher nicht mehr kategorisch auf der no-go-Liste.

Was den Sex anbetrifft, ist PrEP für mich eine kolossale Befreiung – psychisch und physisch! Die Angst, man könnte sich eventuell, vielleicht, unter Umständen, gegebenenfalls doch anstecken, ist einfach weggewischt! Und das macht den Kopf frei, beim Sex! Übrigens gilt das für mich auch in der andern Richtung: Man will ja niemanden anstecken, falls man unerwarteterweise, eventuell, vielleicht, unter Umständen, gegebenenfalls, doch …

Körperlich auch: Vor 20 Jahren habe ich nicht verstanden, warum Aktive unbedingt ohne Gummi wollten. Jetzt, mit über 50, kann ich das nachvollziehen. Bei vielen ist das dann wohl schon mit 30 so, wie bei mir – ich Glücklicher! – mit über fünfzig.

The „What the F*ck?“

Nun sind da zunächst einmal die Kosten: Als durchaus Besserverdienender kann ich mir die rund eintausend Euro im Jahr für Arztkosten, notwendige und vielleicht weniger notwendige Tests und die Pillen (€ 70 im Monat allein für die Tabletten – die umständliche Hexal-Lösung kostet nur € 50) leisten. Ich kenne aber viele, die sich das nicht leisten können!

Dann die krasse Benachteiligung der „Landbevölkerung“: Für mich als Mittelgroßstadtbewohner ist das kein Problem. Die Mannheimer HIV-Schwerpunktraxis liegt im wahrsten Sinne der Wortes um die Ecke („Springer auf Q5“).  Zur „Vertragsapotheke“ wären es, wenn ich darauf angewiesen wäre, auch nur 400 Meter. Für jemanden, der weitab auf dem Lande wohnt, und für jeden Arztbesuch, Test und Partnerapothekenbesuch ein oder zwei Stunden fahren muss, ist das aber auf Dauer fast nicht leistbar.

Zuletzt das komplizierte Procedere: Das Verfahren, um PrEP erstmalig und dauerhaft verschrieben zu bekommen, finde ich extrem umständlich und letztendlich diskriminierend.

Selbstverständlich sind die Voruntersuchungen, die Tests und die regeläßige Überwachung der Nierenwerte und des HIV-Status notwendig und sinnvoll. Die lange Latte an Tests für sexuell übertragbare Krankheiten ist allerdings eine Zumutung! Ein  Hetero-Sechstsemester, der sich an der Uni duch die Gegend vögelt, wird auch nicht alle drei Monate zum Lues-, Hepatitis-, Tripper-, Chlamydien- und wasweißichnochalles-Test verpflichtet. What the flying fuck!?! Insbesondere den Verdacht auf Tripper und Chlamydien kann ich ganz gut selbst einschätzen …

The Ugly

Ja, es gab auch einige – wenige – negative Reaktionen, als ich mich im Bekanntenkreis und über meine Chatprofile als „PrEPster“ geoutet habe.

Direkt ins Gesicht gesagt oder geschrieben hat es mit niemand, aber als Meister für das Erfassen von Stimmungen und Zwischen den Zeilen Lesen habe ich schon ab und zu Unverständnis, Ablehnung und zum Teil den Vorwurf, ich sei ein „Verräter an der Sache“ herausgelesen. Und das vor allem von Bekannten und Freunden aus meiner Generation, die den AIDS-Schock der 80er-Jahre noch immer in den Gliedern stecken haben.

Da kommt dann vielleicht wieder dieser Gedanke mit dem „religös Safer Sex betreiben“ aus meinen damaligen Blog-Eintrag ins Spiel: Religiöse Menschen sind bekanntlich oft nicht offen für Veränderungen und neue Tatsachen. Das ist wohl auch hier so.

Bei manchen Älteren meine ich auch, so ein wenig heraus zu interpretieren: Mist! Für uns kommt das jetzt zu spät. Deshalb gönnen wir es den Jüngeren jetzt auch nicht! Würde natürlich keiner zugeben!

Ausblick

PrEP für eine breitere Schicht in Deutschland ist neu. Ganz neu. Deshalb ist vieles noch verquast, umständlich, teuer. Ich hoffe, dass es da mittelfristig Veränderungen und andere, einfachere, bessere Lösungen gibt. Besonders sollte es einfacher werden, PrEP verordnet zu bekommen, und der Preis muss auch nach unten, damit PrEP kein Luxus für Besserverdienende bleibt. Aber es gibt ja schon Wettbewerb, und der belebt bekanntlich das Geschäft!

Letztendlich wäre es sicher wünschenswert, dass – wie zum Beispiel in Frankreich – auch in Deutschland die Kassen die Kosten übernehmen. Das wäre die beste und günstigste  HIV-Präventionsmaßnahme.

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